Irischer Wellentanz

Bundoran, County Donegal. Es ist ein sonniger Morgen in dem kleinen Küstenort im Nordwesten Irlands. Und ein umtriebiger Morgen. Bereits um 7.30 Uhr schallt am Strand beschwingte Musik aus den Lautsprecherboxen. Bundoran gilt als Surf-Hauptstadt Irlands – und heute ist die nationale Top-Szene zu Besuch.

SurferInnen, die sich ihre Neoprenanzüge überstreifen, blicken auf keinen Strand aus dem hawaiianischen Bilderbuch. Sie blicken auf eine wilde Kulisse mit rauen und felsigen Klippen. Es wird nicht einfach heute, da ist man sich einig. Der starke, vom Meer Richtung Land ziehende Wind, wird es den Surfern nicht leicht machen, die Wellen am optimalen Punkt zu erwischen. Ronan Oertzen freut sich heute dabei zu sein. Der Ire bestreitet seinen ersten Contest seit knapp zwei Jahren. Aber er möchte sich den Event an seinem Homespot nicht entgehen lassen.

Der 28-Jährige lebt seit seinem 13. Lebensjahr hier. Als seine Eltern damals mit ihm an die Küste zogen, dauerte es nicht lange, bis das Surfen sein Leben beherrschte.

Sein Run wird heute nicht ausreichen, um sich für das Finale der besten Acht zu qualifizieren.

Ein halbes Jahr nachdem er zum ersten Mal auf einem Surfbrett gestanden war, surfte er bei einem irischen Contest gleich aufs Podest und wurde Zweiter. Der Trainerstab des irischen Nationalteams wurde auf ihn aufmerksam und kurz darauf beriefen sie ihn in die Mannschaft. In den folgenden Jahren feierte er viele Erfolge, wurde unter anderem Dritter bei den European Team Surfing Championships und 2011 folgte schließlich sein größter Erfolg, der Sieg bei den irischen Staatsmeisterschaften. Klar, dass der sympathische Ire in seiner Heimat eine kleine Berühmtheit ist – eine sehr bodenständige und unterhaltsame Berühmtheit und dazu der beste Reiseführer, den man sich wünschen kann.

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Ronan lädt uns zu einem gemeinsamen Frühstück in sein Lieblingscafé Foam ein. Fast jeden Tag schaut er hier vorbei. Die helle Holzeinrichtung strahlt uns freund- lich entgegen, genauso wie die Besitzer, die ihren Laden erst vor einem halben Jahr eröffnet haben: die passionierten Surfer und Kaffeeliebhaber Noah, Gerald und Adam. Entsprechend entspannt ist die Atmosphäre im Foam. Bei köstlich schmeckendem Kaffee und gutem Essen. Das Rezept dazu sei denkbar simpel, meint Noah: „regional, saisonal, selbst gemacht“. So wie das Banana Bread, das perfekt zum Flat White passt. Es gibt üppige Sandwich-Klassiker genauso wie vegane Kuchen. Hier sitzen Einheimische und Gäste beisammen – und unterhalten sich meist über Wind und Wellen.

Die Küste um Bundoran zählt mittlerweile zu den beliebtesten Surfspots Europas. Unter anderem auch wegen den berühmt-berüchtigten Big Waves. Die riesigen Wellen brechen unweit von hier am Strand des Örtchens Mullaghmore herein. Big Wave ist im Surf-Sport auch eine eigene Disziplin – eine extrem gefährliche. Die Athleten versuchen hier Wellen zu reiten, die sich bis auf 15 Meter auftürmen können. In den Wintermonaten pilgert die Surf-Szene in den Nordwesten Irlands und nistet sich für Wochen, manche sogar über Monate zum Training ein.

„Je größer die Welle, desto schneller wird das Brett“, erklärt Ronan. „Technisch ist es nicht so eine große Herausforderung, aber die hohe Geschwindigkeit – das geht bis zu 70 km/h – das ist schon etwas Verrücktes.“

An der irischen Küste brechen die Big Waves mit einer solchen Wucht herein, dass sie sogar ihren eigenen Wind produzieren. „Wenn du auf dem Board aufstehst, fängt es unter deinen Füßen an zu vibrieren. Ich bin in meinem ganzen Leben eine einzige Big Wave gesurft – und ich hatte noch niemals so große Angst.“ Wohler fühlt sich Ronan auf seinen ‚kleineren‘ Wellen. Dort, wo er seine eigene Geschwindigkeit aufbauen muss. Was die Ausrüstung anbelangt, muss sich in Bundoran kein Surfer Sorgen machen, nicht der blutige Anfänger und auch nicht der Profi. Es gibt zahlreiche Surf-Shops und natürlich auch Schulen. Auch Ronan freut sich darüber, dass die Begeisterung für den Boardsport wächst und wächst. Gemeinsam mit einem Freund betreibt er eine SUP–Schule. Mit dem Stand Up Paddling verdient er in vier Monaten ausreichend Geld, um auch die kühlen Monate zu überleben.

Vor 20 Jahren eröffnete die erste Surfschule in Bundoran. Heute wuselt es in der Hochsaison von sportlichen Gästen. Zahlreiche Surf-Camps und Yoga-Retreats finden statt und plötzlich tummeln sich bis zu 10.000 Menschen im Ort. Im Winter sind es um die 2000 Einwohner. „In den Sommermonaten haben wir kaum mehr Zeit, um selbst aufs Brett zu steigen. Wir arbeiten wirklich viel“, zuckt Ronan mit den Achseln. Aber solange er dem Meer nahe ist und das Board sein Lebensmittelpunkt ist, ist er glücklich.

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Selbst in den Wintermonaten kommen an den Wochenenden Busse mit Surfern aus Dublin, aber es ist weitaus weniger los. Die einheimische Community genießt es, wieder selbst in die Fluten zu steigen und in der Off-Saison Kraft und Kondition aufzubauen. „Die Technik ist eigentlich nicht das Problem“, erklärt Ronan. „Es ist vielmehr die Power in den Armen, die ist so wichtig für das Paddeln und auch für das Abdrücken beim Aufstehen.“ 90 Prozent des Surfens, meint er weiter, sei das Kraulen. „Wenn du fit in den Armen bist, kannst du länger im Wasser bleiben und mehr Wellen surfen. So wirst du besser. Viele sind nach 20 Minuten kaputt und kommen kaum noch aufs Board. Beim Surfen verbringt man 90 % der Zeit mit Kraulen.“ Ronan hat die Winter früher am anderen Ende der Welt verbracht. In Australien trainierte er bei Top-Bedingungen. „Die Wellen sind dort immer konstant gleich hoch und das Wasser natürlich um einiges wärmer. Bei den Temperaturen bleibst du auch mal 9–10 Stunden im Wasser. Wäre ich ein Big Wave-Surfer gewesen, hätte ich die Winter wohl genau hier verbracht und am Strand von Mullaghmore trainiert.“

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Leicht fiel ihm der Abschied vom Profisport damals nicht. Er war gerade irischer Meister geworden, aber der Kampf um die Sponsorenverträge wurde härter. Die Finanzkrise hatte auch die Surf-Industrie erreicht. 2012 beschloss er schließlich, seine aktive Karriere zu beenden und ein neues Lebenskapitel aufzuschlagen. Er tauschte das Board gegen Bücher und begann an der Universität von Sligo ein Studium in Finance & Investment. Nach seinem Abschluss arbeitete er ein Jahr als Investmentbanker – doch der Ruf des Meeres war zu stark. Ronan musste zurück an die raue Küste, zurück in die Wellen.

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Ob er in Zukunft wieder vermehrt bei Contests starten wird? „Ja, auf jeden Fall“, nickt er. „Aber nicht um damit Geld zu verdienen, sondern aus Liebe zum Sport und weil ich die Leute und die coole Atmosphäre einfach liebe.“ Inzwischen hat er auch das ‚Hinterland‘ für sich entdeckt und geht gerne mit Freunden wandern. „Wir leben hier inmitten der beeindruckendsten Naturlandschaft ganz Irlands. Und das sage ich nicht nur, weil ich hier aufgewachsen bin“, sagt er.

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Mit dieser Überzeugung ist er bei weitem nicht allein. Die Grafschaft Donegal wird tatsächlich gerne als Erstes genannt, wenn es um landschaftlich eindrucksvolle Regionen in Irland geht. Ob er noch viel Zeit für ausgiebige Wandertouren haben wird? Ronan möchte in der kommenden Sommersaison neben seiner SUP-Schule auch eigene Surf-Camps anbieten.

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Neben seinem Gefühl für Wellen, hat Ronan auch ein Gespür für Musik. Er ist Sänger und Liedermacher, spielt Gitarre, Saxophon und Klavier. Gemeinsam mit einem österreichischen Freund hat er bereits ein Album aufgenommen. Entsprechend weiß er auch, wo an welchem Abend die (gute) Musik spielt. Auch die Pub-Meile von Bundoran hat einiges zu bieten. Mit Ronan landen wir zielstrebig in der richtigen Lokalität: die Liveband heizt ein, die Fish ‘n Chips schmecken saftig und frisch und das Guinness fließt.

Ronan geht dennoch zeitig ins Bett. Am nächsten Tag, in den frühen Morgenstunden, wird er bereits wieder mit den Wellen tanzen.